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Martin Buber: DANIEL. Gespräche von der Verwirklichung

 

Diese erste größere veröffentlichung des jüdischen religionsphilosophen martin buber (1878-1965) entstand während seiner berliner jahre; die erstausgabe erschien 1913.

Vorrangig geht es im 'Daniel' um das konkrete und existenzielle leid von entfremdung und verdinglichung und um das bewußtsein einer gegenbewegung hierzu: "Diese Menschen sind verkürzt, Ulrich, verkürzt in dem Recht der Rechte, dem gnadenreichen Recht auf Wirklichkeit." - Es ist das problembewußtsein von intellektuellen und künstlern zu beginn des 20. jahrhunderts, das allerdings bald zersplitterte in unterschiedliche blickwinkel und ideologische fronten (proletarischer kampf, lebensreformbewegung, spiritualität, expressionismus, frauenbewegung, nationalismus, rassismus).

In den folgenden Jahrzehnten wurde buber zum wiedererwecker der chassidischen religiosität und bibelübersetzer, zum kritischen zionisten und (mit-)begründer des dialogischen prinzips, zum anarchisten und religiösen sozialisten, zum mittler zwischen deutschland und israel, zwischen juden und arabern. "Ich habe keine 'Lehre'. Ich habe nur die Funktion, auf solche Wirklichkeiten hinzuweisen. Wer eine Lehre von mir erwartet, die etwas anderes ist als eine Hinzeigung dieser Art, wird stets enttäuscht werden", betont buber. - Dabei bleiben sämtliche aspekte und blickwinkel des vielschichtigen lebenswerks untrennbar aufeinander bezogen. Möglicherweise sind gewisse lebenslange untergründige intentionen buber in  den frühen 'Gesprächen von der Verwirklichung'  für heutige leserInnen leichter auffindbar als in den sogenannten hauptwerken.

Kontemplative rückbezogenheit (religio) steht wohl lebenslang im hintergrund von bubers kreativität; im 'Daniel', einem fast intimen mehrstimmigen selbstgespräch des 35jährigen, bestimmt sie noch die darstellung. Von daher zeigen diese 'Gespräche von der Verwirklichung' die entfaltung des dialogischen prinzips aus mystischem einheitsempfinden, bei buber nicht zuletzt auf grundlage seiner beschäftigung mit chassidischen überlieferungen, als plausible und organische entwicklung.

Mit seiner lebenslangen, tiefgründigen achtsamkeit für möglichkeiten von begegnung steht auch buber in der gegenbewegung zur gesellschaftlichen verdinglichung des lebens. In vielen facetten ausdifferenziert, finden sich in seinem werk hinweise auf die dem menschen mitgegebene fähigkeit, zu antworten auf alles, was ihm von der welt entgegenkommt, - eine autonomie, von der auch theodor w. adorno spricht, wenngleich aus anderem blickwinkel.

Kennengelernt hatte ich martin bubers werk 1981, als mitarbeiter im Verlag Lambert Schneider. Bald empfand ich den 'Daniel' als verborgenes herz seiner arbeit. Noch immer möchte ich nicht hinnehmen, daß das büchlein verloren sein soll für die öffentliche aufmerksamkeit, abgetan als jugendwerk! Wäre von buber nichts anderes überliefert, so würde der 'Daniel' möglicherweise in jeder generation neu entdeckt..

Nachwort: Mondrian v. lüttichau

 

auc-53-buber.pdfalt 748 KB 

 
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