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Kurt Münzer: MENSCHEN AM SCHLESISCHEN BAHNHOF

 

Berlin 1929. - Der idealistische bürgersohn peter hat sich ins zille-milieu am schlesischen bahnhof verlaufen; schwärmerisch verliebt er sich in anna, ein mädchen von dort. Das kann nicht gutgehn. Er lernt elli kennen, die bei aller seelischen und körperlichen zerstörung hilflos-naive alte hure, annas mutter. Mit dem jungen ganoven paul entsteht zaghafte, mißtrauische nähe. Eine lebenskluge großmutter taucht auf und toni, ihr verkrüppelter, heimlich gedichte schreibender 13jähriger enkel. Jede begegnung, jedes gespräch läßt peter andere wahrheiten ahnen. Öffnet ihm die augen für verdrängte momente der sozialen realität wie der eigenen lebensgeschichte. In einer tragikomischen dreiecksgeschichte zwischen peter, anna und paul führen unterschiedliche traumatische kindheitserfahrungen zur katastrophe. Dann ein gnadenlos wahrhaftiger abschied - in st. pauli, am hamburger hafen. Was bleibt, ist sinnlich-sinnhaftes leben: das meer, die möwen, die städte. Wenn wir unser existenzielles alleinsein annehmen, wird alles (die welt) zum gegenüber, - vielleicht eine reminiszenz münzers an martin bubers dialogische mystik.

Zerrissene, zutiefst ambivalente sehnsucht nach kindlicher mutterbindung und/oder erotischer liebe (zwischen hetero- und homosexualität, zwischen abgestumpftem egoismus und idealistischer sublimierung) - kurt münzers lebensthema! - wird hier fast allgemeingültig, in poetischer verdichtung dargestellt.

Die erstausgabe des romans erschien 1930 in dem avantgardistischen verlag bruno cassirer. In manchem eine antwort auf 'Berlin Alexanderplatz' (1929), fehlen dieser geschichte döblins artifizielle literarische techniken und seine langatmigkeit. Dafür ist der fast vergessene jüdisch-deutsche expressionist kurt münzer wohl näher dran an alltag, leid und lebensgefühl von proleten, kindern, huren und gangstern rund um den friedrichshain und am schlesischen bahnhof (heute ostbahnhof), im wedding (dem andern zille-kiez), im scheunenviertel und am alex.

'Menschen am Schlesischen Bahnhof'  ist eine letzte bittere liebeserklärung münzers an die berlinerInnen im schmuddligen untergrund der glamourösen zwanziger jahre. Auf der straße marschieren bereits die nazis.. 1933 brennt auch dieses buch. Der autor emigriert in die schweiz, wo er 1944 stirbt.


Von kurt münzer wurden  bei A+C außerdem wiederveröffentlicht die romane 'Jude ans Kreuz!', 'Phantom'  und 'Esther Berg' sowie 'Bruder Bär', eine sammlung von novellen.

 

 
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