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Christa Anita Brück: SCHICKSALE HINTER SCHREIBMASCHINEN

 

Christa anita brück (1899-1958?) war eine sensible junge frau mit feinem psychologischen bewußtsein, die wohl nicht ganz freiwillig im kaufmännischen bereich gearbeitet hat. Ihrem sozialen blickwinkel nach kam sie aus gutbürgerlichem elternhaus, vermutlich in ostpreußen, wo auch ihre romane spielen. Nach ihrem hier wiederveröffentlichten ersten buch (von 1930) erschienen bis 1941 noch drei selbständige veröffentlichungen; einer der romane wurde verfilmt. Über das weitere schicksal der autorin konnte ich nichts herausfinden.

'Schicksale hinter Schreibmaschinen' ist eines der ersten literarischen werke mit dem thema mobbing am arbeitsplatz. Prägnant wird gezeigt, wie  individualitäten im verdinglichten mechanismus der arbeitswelt so weit zurückgestutzt, verstümmelt werden, bis sie nur noch als menschliche karikaturen agieren können, - wobei täter  und opfer, vorgesetzte und kollegInnen in ihren idiosynkrasien, zwanghaftigkeiten, mit narzißtischen kompensationen und medikamenten- oder alkoholmißbrauch nicht zufällig einander oft sehr ähnlich sind.

Auch in der gegenüberstellung von großbürgerlichem selbstverständnis bei der 'deklassierten' protagonistin und kleinbürgerlich bestimmter arbeitswelt ist dieses buch ein dokument zur vorgeschichte des nationalsozialistischen deutschland und damit auch unserer gegenwart. Die hilflosigkeit der in ihrer etikette, in standesdünkel und moralischen zwängen verhafteten 'guten bürger' angesichts der gesellschaftlich zunehmend dominierenden kleinbürger (und damit auch ihre hilflosigkeit gegenüber den machttaktischen methoden der nazis) wird differenziert geschildert von viktor klemperer in seinem bekannten tagebuchwerk.

Darüberhinaus geht es um sexuelle nachstellung/gewalt als grunderfahrung berufstätiger frauen. Bis heute wird gnadenlose borniertheit, seelische zerrüttung und arroganz der macht bei männlichen vorgesetzten und ihr physiognomisches, ästhetisches korrelat nur selten ungeschönt und sinnlich prägnant dargestellt wie hier. Daß eine romanfigur männliche anmache weder in traditioneller weiblicher unterwerfung hinnimmt noch ihr als emanzipierte amazone begegnet, vielmehr entsprechende männchen bei aller eigenen leidvollen hilflosigkeit doch kalt beschreibt, in verachtung und ekel, widerspricht weiblichen rollenerwartungen noch immer.

Die meisten in 'Schicksale hinter Schreibmaschinen' subtil geschilderten momente von machtmißbrauch, impertinenz, psychoterror (mobbing), verlogener rhetorik, zwanghaftigkeit, aber auch angst, unterwürfigkeit, kollektivzwang und hilflosigkeit bzw. die unterschiedlichen neurotischen kompensationen und interaktionsmuster sind mir - bis in einzelne formulierungen! - vertraut aus eigener erfahrung (als betroffener oder beobachter) in etlichen branchen, noch 50 jahre später, in BRD, berlin (west wie ost) und sachsen!

Prägnant beschrieben werden alpträume, projektive angstphantasien und andere psychotraumatische symptome bei mehreren figuren sowie eine situative eskalation bis zu suizidalen empfindungen.

Ein schlaglicht auf die undurchsichtige, in manchem paradoxe gesellschaftliche situation vor dem machtantritt der nazis gibt eine klarsichtige überlegung der protagonistin: "Gewiß sind Sie überzeugt, ein nationaler Mann zu sein. Aber in Wirklichkeit propagieren Sie den Umsturz, denn der Umsturz kommt nicht aus den Gepeinigten, die ihn vollführen, er kommt aus denen, gegen die er sich richtet."

Möglicherweise sind die in diesem buch profilierten ansprüche an das soziale leben  tatsächlich anachronistisch: "So wund bin ich geschlagen, so elendig verhetzt und in meinen Erwartungen entartet, daß allein der Klang unverfälschter Herzlichkeit mich bis zur Fassungslosigkeit erschüttert." Sind wir heute überhaupt noch in der lage, unverfälschte herzlichkeit wahrzunehmen, in unserem Falschen Selbst, mit dem wir uns abdichten gegenüber einer alltäglich gewordenen zwischenmenschlichen kälte? - "Kollegialität und Anstand", wofür die protagonistin dieses buches noch offensiv eintritt, kommt meiner erfahrung nach im arbeitsleben kaum mehr vor, dafür eine sogenannte 'teamfähigkeit', die wenig mehr ist als kollektive unterordnung unter situative machtverhältnisse. Christa anita brück schreibt: "Die Wehrlosigkeit eines feigen Hasses, der aufbegehrt, solange er allein ist und Beleidigungen schluckt, um des Brotes willen, er, nicht die Abhängigkeit meiner Stellung, erniedrigte mich. Ich sehne mich mit dem ganzen Rest  meiner früheren Lauterkeit zurück nach Achtung und Vertrauen." - Mag sein, daß derlei nuancen und inhalte heutzutage nicht mehr als literaturfähig gelten. Mir allerdings scheinen sie unverzichtbar für unser menschsein.
(Aus dem nachwort von mondrian v. lüttichau)

 Im august 2015 ist bei A+C in neuausgabe erschienen christa anita brücks zweiter roman: Ein Mädchen mit Prokura.

 

 
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