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Christa Anita Brück: EIN MÄDCHEN MIT PROKURA

 

Thema des vorliegenden romans von christa anita brück (1899-1958) ist zunächst die allgemeine seelische zerstörung unter angestellten während der weltwirtschaftskrise ende der 20er jahre, mit besonderem blick auf die deutsche bankenkrise: überlebensängste (gerade bei denen, die noch in stellung sind), situation der arbeitslosen kleinen leute, feindseliges büroklima, fusionen und monopolisierung sowie die zunehmende bürokratisierung auch im bankgewerbe.

Neben hans falladas berühmtem KLEINER MANN – WAS NUN? (ebenfalls 1932 erschienen) ist er einer der wenigen deutschen romane aus dem angestelltenmilieu während der weltwirtschaftskrise.

Das augenmerk der autorin liegt vorrangig auf der situation weiblicher angestellter (minderbesoldung, mangelndes ansehen im geschäftlichen leben, schwierigkeit des aufstiegs in leitende stellungen, mobbing, anmache). Am schluß des romans steht die unmißverständliche einschätzung: "Der Weg der tüchtigen Frau ist immer der gleiche: er führt über Feindschaft, Befremden, Mißtrauen und Neid zu tragischer Isoliertheit."

Im hinblick auf die deutsche bankenkrise war EIN MÄDCHEN MIT PROKURA bei seinem erscheinen tagespolitisch hochaktuell. Vermutlich war die autorin (ab 1934 ehefrau eines höheren bankangestellten) bereits zu diesem zeitpunkt eng vertraut mit der thematik.

Taktische fusionen, monopolisierung und zunehmende bürokratisierung, wie sie im letzten teil des vorliegenden romans skizziert werden, gehörten zum beginn eines prozesses, der sich bis heute als progressive verkrebsung des bankgewerbes entfaltet hat.

Diesen roman wiederzuveröffentlichen in einer zeit, in der banken zu totengräbern demokratischer gesellschaften zu werden scheinen, lag für mich nahe. Wesentliche strukturelle, sozialpsychologische funktionen des kapitalistischen bankensystems werden in dieser überschaubaren, für laien nachvollziehbaren handlung plausibel.

Die protagonistin thea iken wird dargestellt als aufopernde, allzeit verantwortungsvolle und loyale mitarbeiterin, tragikumflort, mit heroischer attitüde, – eine überspannte antigone, in einer szene fast wie jesus auf dem ölberg. Solche überzeichnungen, die, wenngleich subtiler, auch in ihren anderen büchern zu finden sind, könnten mit der biografie der autorin zusammenzuhängen.

Projektive kompensationsversuche tiefgehender narzißtischer verletzungen (der autorin) sind in manchen szenen mit thea iken kaum zu übersehen. Auch werden in allen ihren romanen für die weiblichen hauptfiguren schlimme, ja traumatische lebenserfahrungen angedeutet, die eine unbedingte orientierung an einem selbstbestimmten leben nachvollziehbar machen. Dies aber erfordert eine gewisse finanzielle, zu jener zeit für eine frau wohl nur durch berufstätigkeit ermöglichte unabhängigkeit. Wenn thea iken mit unbedingter hingabe um ihren arbeitsplatz kämpft, empfindet sie dies zweifellos als kampf um ihr leben, in dem es andere inhalte – aus welchen gründen auch immer – nicht gibt.

Selbstwertgefühl als erwachsene frau scheint thea iken nur aus ihrer beruflichen position zu beziehen. Liebe kommt bei ihr offenbar vorrangig als fürsorgende liebe vor, als mythisch-loyale verbundenheit mit dem chef oder als pseudomütterliche zuwendung zu dessen sohn. Wobei in beiden konstellationen diffuse erotische momente mitschwingen.. – kaum verwunderlich. Gelegentlich verliert die autorin offenbar selbst die psychologische übersicht über die ineinander verstrickten "opferungs"-impulse ihrer protagonistin, dann wieder erwähnt sie immerhin die "erprobte Eigensüchtigkeit, mit der Mannsbilder Frauenopfer annehmen".

Die prokuristin thea iken steht nur am rande für "das lebensgefühl der 20er jahre", für "die neue frau", vielmehr geht es vorrangig um diese konkrete frau mit einigermaßen rätselhafter psychischer konstitution und ihr ringen um individuelle entfaltung und gesellschaftliche selbstbehauptung. – Unverkennbar ist dabei die soziale position der autorin als reflektiert und (zumeist) empathisch beobachtende außenseiterin. (Dies korrespondiert mit der außenseiterposition der protagonistinnen in allen ihren romanen.) Bis heute lesenswert sind ihre bücher durch das tiefe einfühlungsvermögen in lebensumstände und lebenshaltung gerade der kleinen leute – deren lebensziele, ihre sozialen ängste, nicht zuletzt auch die seelischen zerstörungen, zu denen ihre grundlegenden lebensumstände geführt haben. Deutlich wird gleichwohl ihre distanz gegenüber lebensregungen und reflexionsbemühungen der kleinbürger, werden ängste vor der "masse" und vor bedrohlichen untiefen hinter einer biederen "maske" bei angehörigen der unterschicht; dies sind zeittypische ideologeme des bürgertums.

Der vorliegende roman enthält nicht zuletzt einen psychologisch vertrackten Who has done it? - krimi, ein gerichtsdrama, dessen kriminalistisch-juristische logik nicht immer überzeugt, was jedoch die spannung bis zum schluß nicht beeinträchtigt. Vor allem dieser aspekt stand im vordergrund des heute vergessenen films von arsen v. cserépy. Zumeist sehr achtsam gegenüber dem buch, wurden allerdings psychologisch komplexere inhalte nicht umgesetzt. Einige szenen wurden in filmisch angemessener weise (auch um des dramatischen effekts willen) variiert oder ergänzt, viele dialoge wurden fast wortgenau wiedergegeben. Trotz der vielen NS-nahen mitwirkenden ist dieser lebensfrische film unbedingt sehenswert – sowohl vom drehbuch, seiner schauspielerischen umsetzung als auch von der kameraführung und den regieeffekten her. Bis in nuancen gibt er alltagsethnografische momente seiner zeit wieder, durch die er das buch für heutige leserInnen gut ergänzt. Der neuausgabe wurden aus diesem grund etliche szenenbilder beigegeben.

(Aus dem nachwort des herausgebers)

Bereits bei A+C wiederveröffentlicht wurde brücks erstes buch, der seinerzeit berühmte roman SCHICKSALE HINTER SCHREIBMASCHINEN.

 

 
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