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Albert Lamm: BETROGENE JUGEND

Ab 1926 arbeitet der maler albert lamm (1873-1939) als zeichenlehrer in einem tagesheim für (männliche) jugendliche erwerbslose in berlin-treptow. Der kritische außenseiter, lebenslang auf der suche nach sozialer wie künstlerischer wahrhaftigkeit, entwickelt geduldiges jugendfürsorgerisches/sozialpädagogisches engagement. Gerade in ihrer früh vom leben enttäuschten und verwundeten widerborstigkeit waren diese jungs ihm vermutlich näher, als er selbst wußte. Zu beginn versucht er noch in treuherziger spießbürgerlichkeit, den jungs die werte der gutbürgerlichen gesellschaft einfach überzustülpen. Aber lamm lernt in beeindruckender stringenz, sich in die situation der desillusionierten, von entsprechenden lebenserfahrungen abgestumpften jugendlichen einzufühlen.

Die gerade in den 20er jahren verbreitete hoffnung auf neue lebens- und gemeinschaftsformen kommt selbst bei dem in anderen aspekten konservativ wirkenden albert lamm an, der über seine jungs schreibt: "Sie sind mit nichts mehr verwachsen und werden mit dem alten Leben nirgends mehr verwachsen, mit dem sie nur noch die Lohndüte, die Stempelkarte und der Unterstützungsbetrag verbindet; aber in ihrer Gemeinschaft wächst eine neue Verbundenheit, die ausreicht, sie sich selber als eine neue und ganze Welt fühlen zu lassen, in der man nach neuen Formen eines den Menschen ausfüllenden Lebens sucht." - Aber er spürt durchaus auch die kehrseite solcher sehnsucht: "Es ist ein ungeheures gährendes Wünschen, was in dieser Jugend arbeitet - umschlossen von dem Zwange der großen Not der Zeit. Wer sich nicht dazu aufzuraffen vermag, zu fühlen, daß Gerechtigkeit und Menschlichkeit hier ein Helfen fordern, der sieht vielleicht wenigstens ein, daß Sicherheitsventile notwendig sind, um nicht einmal unsinnige Entladungen hochgespannter Kräfte heranwachsen zu lassen, um das Anwachsen des Chaos hintanzuhalten, von dessen unterirdischer Ausdehnung und vulkanischer Gewalt unter unserer alt gewordenen Welt leider die wenigsten eine rechte Vorstellung zu gewinnen sich bemühen mögen." 

Albert lamms bericht wurde 1932 im Bruno Cassirer Verlag Berlin veröffentlicht, - - als "adolf hitler"  im berliner volksmund erst eine sprichwörtliche bezeichnung war für ungebärdig herumbrüllende männer!

Das projekt selbst war zu diesem zeitpunkt schon kaputt, - stanguliert von sozialadminstativen vorgaben, mittelkürzungen und gleichgültigkeit der höheren bürokratie; auch hiervon berichtet lamm. Das buch durfte nach dem machtantritt der nazis nicht mehr vertrieben werden. - Aber was ist wohl aus diesen, aus solchen jungs geworden?

"Lamms Schrift gestattet teilweise soziologische Erfassung und Auswertung der Gestalt des aus dem gesellschaftlichen Produktionsprozeß herausgeschleuderten jugendlichen Erwerbslosen", wurde 1933 in max horkheimers 'Zeitschrift für Sozialforschung'  betont. - Heute ist das büchlein vor allem in den östlichen bundesländern in mancher hinsicht wieder aktuell; welche gesamtgesellschaftlichen folgen werden diesmal aus den entsprechenden sozialen zerstörungen erwachsen?

Die neuausgabe enthält ein ausführliches nachwort von mondrian v. lüttichau: 'Ein früher sozialpädagoge'.

 

 
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